Libretto: Les Pirates du Rhône
(Die Rhônepiraten)




Jean Aurenche (1904-1992), Co-Autor und Co-Regisseur von Les Pirates du Rhône, berichtet über das Projekt und die Realisierung des Films.
Ich hatte einen Freund und Kollegen, Pierre Charbonnier (ein talentierter Maler, der später als Dekorateur für Bresson in vielen seiner Filme arbeitete). Es war Charbonnier, der mich zum ersten Mal ans Ufer der Rhône brachte, nach La Roche de Glun, ein kleines Nest in der Nähe von Valence, wo er ein kleines Häuschen besaß. Man muss dazu sagen, dass La Roche de Glun eine geographische Besonderheit hat: Das Dorf erstreckt sich entlang einer Kurve der Rhône. Und genau dort, in dieser Kurve, strandeten stets die Leichen der Ertrunkenen.
Der Bürgermeister sah sich gezwungen, die Leichen auf Kosten der Gemeinde zu bestatten, was dem kleinen Dorf bald schwer zu schaffen machte. So beauftragte er einen Wilderer, einen gewissen Darone, die Leichen zum gegenüberliegenden Ort zu schaffen. Darone jedoch wurde eines Nachts auf frischer Tat ertappt, und so kam es zum Streit zwischen den beiden Dörfern.
Wir trafen diesen Wilderer, einen außergewöhnlichen Kerl, von dem ich stundenlang erzählen könnte. Das war ein echter Pirat. Er fischte im Morgengrauen, mit Hilfe eines Wurfnetzes oder anderen verbotenen Vorrichtungen – niemals jedoch mit Dynamit. Er erzählte uns von seinem teils in Haft verbrachten Leben: Mit Fischereidelikten wurde nicht gespaßt. Eine seiner Beschäftigungen bestand darin, jungen Kerlen, die gerade aus dem Knast kamen, das Flechten von Weidenkörben beizubringen. Stets waren fünf oder sechs von ihnen um ihn versammelt, und um seine Tochter… wenn Sie verstehen, was ich meine… Die Leute aus der Gegend kamen auch wegen ihr: Sie hatte ihre eigene Anhängerschaft.
Diese Person gefiel uns so gut, dass wir, gemeinsam mit Pierre Charbonnier, Un journée de Darone (Ein Tag im Leben des Darone) drehen wollten. Ohne Drehbuch - wir waren damit gedanklich beschäftigt. Eines Tages stellte mir Jean Wiener, ein Freund von mir, einen Mitarbeiter der Verwaltung von Pathé vor, den Playboy des Hauses, Simon Cerf. Später geriet er in Schwierigkeiten, einen Konkurs, doch ich hege nur Sympathie für ihn. Ich erzählte ihm, worum es ging; er fragte mich: “Wieviel wird diese Geschichte kosten?“ und ich antwortete ihm, dass ich den Film – fünf oder sechshundert Meter – mit dreißigtausend Francs aus seiner Tasche drehen würde. 1935 war das Haufen Geld (heute würde dem ein 500-facher Betrag entsprechen). Für einen Anfänger ein wahnsinniger Glücksfall.
Ich habe den Film also gedreht, und Cerf wurde belohnt, denn Les Pirates du Rhône ging sehr gut und wurde hier und da eingekauft, selbst in der Schweiz! Der Text war wichtiger als die Bilder, vielleicht jedenfalls. Heute würde ich es nicht noch mal auf die gleiche Weise machen. Doch es war das erste Mal, dass man einen Film einer Person wie Darone widmete.
Einen Monat lang folgten wir ihm und filmten ihn, wo er nur hinging. So haben wir einen Film auf die Beine gestellt, der interessant war und den es in dieser Form zu dieser Zeit noch nicht gegeben hatte. (Die Dokumentarfilme aus jener Zeit waren steife Präsentationen des Mont Saint-Michel oder anderen architektonischen Sehenswürdigkeiten).
Es gab eine Szene, die den nächtlichen Dynamit-Fischfang zeigte. In Wirklichkeit hatten wir weder Sprengstoff - noch Fische! Ich hatte auf dem Markt Merlane gekauft, die wir ins Wasser schleuderten, und indem wir rückwärts filmten, sah man sie an die Wasseroberfläche steigen. Niemand hatte jemals etwas bemerkt, außer eines Tages Florent Fels, Chefredakteur einer Zeitung, der wie unser Freund Tavernier, ein Gourmet war. Während er neben mir saß, schrie er plötzlich aus „Ihr Mistkerle, das sind doch Merlane!“
Auszug aus La Suite à l’écran
Gespräche mit Jean Aurenche
Institut Lumière /Verlag Actes Sud











