Libretto: Palestine - Programme biblique


(Palästina - Bibelszenen)
Produktionsjahr: circa 1904

1870, am Kriegsanfang, wird unter der Schirmherrschaft der Augustins de l’Assomption (Augustinermönche) der Verlag La Maison de la Bonne Presse (dt. Verlagshaus der guten Presse) ins Leben gerufen. Er hat zum Ziel, die Präsenz der katholischen Kirche durch Massenveranstaltungen dynamisch zu vertreten. Er ist verantwortlich für die Organisation von Pilgerreisen und Unterrichtsinhalten. Pressetechnisch wird dieses Vorhaben mit Zeitungen wie Le Pèlerin oder, 10 Jahre später, La Croix unterstützt.

 

1895 wird Georges-Michel Coissac, der spätere Filmhistoriker, vom Verlagsdirektor von La Croix mit der Gründung und Leitung eines Dienstes für Lichtspiele beauftragt. Daraufhin ziehen Filmvorführer durch die Gemeinden, um das Wort Gottes zu verbreiten. Dabei kommen Glasplatten zum Einsatz, die als lebendige Gemälde das Leben Christi, der Heiligen und der Märtyrer darstellen, oder die erbaulichen Geschichten von Théodore Botrel erzählen.


1905, als die Trennung von Kirche und Staat beschlossen wird, hat der Kinematograph schon längst seinen Status als wissenschaftliche Kuriosität verloren, und ist nunmehr für viele eine bloße Jahrmarktattraktion geworden. Indessen beginnen die frommen Geister von La Maison de la Bonne Presse sich für ihn zu interessieren.


Während der zweiten Hauptversammlung für katholische Vorträge und Filmprojektionen (congrès général des oeuvres catholiques de conférences et de projections, 19 – 22 Februar 1906) spricht sich ein Redner folgendermaßen über dieses Thema aus:
 „Es gibt niemanden, der den Nutzen von kinematographischen Vorführungen für die Arbeit der katholischen Verbände abstreiten würde. Diese dürfen das Lichtspiel als neue Kunstform nicht verschmähen, denn das hieße auf ein wirkungsvolles Erfolgsmittel zu verzichten und Gefahr zu laufen, rückständig zu bleiben. Somit scheint es ganz selbstverständlich, dass die Versammlung dieses Jahr die Möglichkeiten überprüfen will, wie man mit dem Kinematographen ein noch breiteres Publikum ansprechen kann.“

 

Folgender Bericht stammt von Abbé Mulsant (dt. Pfarrer Mulsant), der seine Theorie schon in die Praxis umgesetzt hat:

„An dieser Stelle sei mir erlaubt die Arbeit, der ich mich zusammen mit dem Abbé Chevalier gewidmet habe, zu erläutern. Wir schätzen uns glücklich, wenn unsere kurze Erfahrung den katholischen Verbänden von Nutzen sein kann.
Als wir Ressourcen für unsere Schulen im Libanon suchen mussten, deren Existenz durch die Verringerung der Spendengelder aus Frankreich bedroht ist, und da es derzeit nicht möglich ist, in unserem armen Vaterland zu sammeln, haben wir darüber nachgedacht möglichst interessante Vorträge anzubieten. So haben wir zusätzlich zu den normalen Lichtprojektionen auch die kinematographischen Projektionen eingeführt.
Dafür haben wir eine lange Reise in den Orient unternommen, in eine Region, die uns schon bekannt war. Wir haben es geschafft in Ägypten, Palästina und im Libanon eine Reihe von Dokumenten, Bildern, und kinematographische Bändern zu sammeln, mit denen wir fünf Dokumentarberichte oder Kunstvorträge erstellt haben. Mit dem ersten Vortrag, Vers les cèdres du Liban (dt. Reise zu den Zedern Libanons), unternehmen wir einen Spaziergang durch die malerischen Berge Syriens.
Der zweite und dritte Vortrag handeln von der heiligen Person des Jesuskindes und versuchen es nach Art von Tissot in Au Pays de l’enfance du Christ (dt. Im Land der Kindheit Christi) wieder zum Leben zu erwecken. In La Vierge et son fils (dt. Die Jungfrau und ihr Sohn) prägen  idealistische Künstler, die in jeder Alterstufe so zahlreich vertreten sind, das Bild der Heiligen Familie mit unseren zeitgenössischen Vorstellungen und Sitten.
Der vierte Vortrag: Le Caire pittoresque (dt. Das malerische Kairo), führt in die Hauptstadt des heutigen Ägyptens. Er hebt die Besonderheiten und die Gegensätze des Landes hervor und ist ein sehr interessanter Zeitzeuge der islamischen Religion und ihrer Riten.

Die fünf Vorträge sind immer nach dem gleichen Schema aufgebaut: die Texte werden als starres Bild projiziert und wechseln sich mit  den kinematographischen Bildern ab. Eine neue Methode, die von den Vortragenden selbst erfunden wurde, ermöglicht den sofortigen Übergang vom starren Bild zum bewegten Bild. Dies hat den großen Vorteil, dass die Vorträge lebendiger und abwechslungsreicher wirken, denn die Erläuterungen werden bei den starren Bildern abgeben und verstehen sich nur als Analyse des darauf folgenden kinematographischen Themas. 
Auf diese Weise kann der Zuschauer die kinematographische Einstellung viel mehr genießen und ermüdet nicht bei der Vorführung einer 600 Meter langen Rolle. Ich kann bestätigen, dass diese Vorträge dank des neuen Anschauungsmaterials und der perfekten Funktionsfähigkeit des Apparates oft und in den verschiedensten Umgebungen stattfinden konnten, und das immer mit großem Erfolg. Innerhalb von achtzehn Monaten haben wir mehr als 250 Vorträge abgehalten: in großen und kleinen Priesterseminaren, bei Gesellschaften für Geographie, in Künstlerkreisen, in Schulen, Klöstern und Gemeindesälen, wo wir mehr als 2000 Menschen versammeln konnten.  Wir haben vor, unsere Arbeit mit unseren Vortragsreihen weiterzuführen, denn sie sind, wie es uns viele Priester, Bischöfe und  Zuschauer bestätigen, ein wahres Wohl für unsere Seelen und eine schöne Möglichkeit in jeder Umgebung über unseren Herrn zu sprechen.“

 

Die Arbeit von Mulsant und Chevalier ist sicherlich nicht die erste ihrer Art. Schon 1897 hat Albert Kirchner, Léar genannt, den Vater Bailly während seiner Pilgerreise ins Land Jesus Christi begleitet und brachte die ersten Filme über Palästina und Ägypten mit. Heute sind sie leider verschollen. Wenn sie tatsächlich 1904 aufgenommen wurden, wie es die Aussagen des Abbé Mulsant vermuten lassen, dann zählen sie zu den ältesten Zeugen der christlichen Vision auf islamischen Boden. Ein Feldversuch: Das Leben Jesus Christi einmal anders gefilmt, verglichen mit den zahlreichen sehr theatralischen Versionen von Pathé, Gaumont oder Lumière.

 

Hier setzt sich Mulsant zum Ziel, die biblischen Figuren „aufs Neue zu inszenieren – vor Ort, ohne festen Drehplan – indem man ihre Worte aufsagt, und zwar in dem Land, das die Vorhersehung ihnen als Raum für ihre Leidenschaft, ihre Hoffnung und ihr Apostelamt gegeben hat.“. Die Themen der anderen vom Abbé Mulsant organisierten Vorträge verstehen sich als Ergänzung hierzu, denn die Beobachtung der Sitten und Bräuche in Palästina, Ägypten oder im Libanon ermöglichen es, „sich die Relikte und alten Traditionen ins Bewusstsein zu rufen. Sie sind als gelebte Kommentare der Schriften zu verstehen, die auf diese Weise die angestaubten Seiten der Bibel oder des Evangeliums in ein neues klares Licht tauchen.“

 

Den ethnographischen oder religiösen Aspekt beiseite gelegt, sind die Filme von Mulsant und Chevalier heutzutage ein seltenes Zeugnis einer Praktik, die lange Zeit sowohl die weltlichen als auch die katholischen Meinungen spalten wird: die des Filmvortrags. Die Texte zu den Vorträgen von Mulsant und Chevalier scheinen verschwunden zu sein, aber man findet hier und da einige Ausschnitte auf bebilderten Postkartenreihen, die ab 1907 herausgegeben wurden und den Abonnenten von Fascinateur angeboten wurden, einer Fachzeitschrift für Filmvorführungen des Verlages Maison de la Bonne Presse.

 

1907 ist ebenfalls das Jahr der Priesterweihe von Mulsant und Chevalier. Ihr Vortrag Annonciation de la Vierge (Maria Verkündung) wird im Vatikan dem Papst Pius X vorgeführt, zunächst in Form von starren Bilder, dann als bewegte Bilder mit kurzen Erklärungen des Abbé Chevalier persönlich. Der Film fügt sich in ein sehr abwechslungsreiches Programm ein, in dem die unterschiedlichsten Szenen sich ablösen: Bilder aus dem Militärleben, Wald- und Wiesenbilder, Aufnahmen der See. Nicht zu vergessen: die Porträts seiner Heiligkeit und die wundervollen Bilder des Leben Christi oder Komödien wie Toto Aéronaute (dt. Toto der Weltraumfahrer) von Pathé, 1906!

 

Bis dato waren die Filme von Mulsant und Chevalier nicht im Handel erhältlich, was von einigen Kongressteilnehmern der dritten Hauptversammlung für katholische Vorträge und Filmprojektionen (congrès général des oeuvres catholiques de conférences et de projections) bedauert wurde. Nach der Vorführung im Vatikan wird eine Abmachung mit der Filmgesellschaft Gaumont getroffen, die stolz unter der Nummer 1821 ihres Kataloges „A Nazareth“ (dt. In Nazareth) anbietet, „Eine Sammlung von Mulsant und Chevalier, Projektionen, die dem Heiligen Vater vorgeführt wurden“. Dieser 70 Meter lange Film unterteilt sich in 5 Abschnitten: die Werkstatt, die Quelle von Nazareth, der Rückweg von der Quelle, Der Brunnen, die Abenddämmerung. Interessanterweise wird dieser Film nur vertrieben. Die Vorführrechte sind Frankreich und Belgien vorbehalten. Bei Interesse muss man sich direkt an die Autoren, 14 rue Sainte-Hélène, in Lyon wenden.

 

Vielleicht will Gaumont seinem 1906 herausgegebenen Film Vie du Christ (dt. das Leben Christi) nicht zuviel Konkurrenz machen. Er hat sich für einige Bilder von der Passion des Malers James Tissot inspiriert. In ihren Memoiren schreibt Alice Guy, die Regisseurin des Films, dass Mulsant und Chevalier bei den Dreharbeiten zugeschaut haben und ein reges Interesse zeigten. Diesen Äußerungen nach könnte man meinen, dass sich die zwei Priester von Alice Guy haben inspirieren lassen, obwohl sie schon zwei Jahre zuvor Ihr Leben Christi abgedreht hatten.

 

Die kinematographische Produktion des Verlagshauses Maison de la Bonne Presse beginnt erst richtig 1909, als eine 1000 Meter lange Version der Passion von Honoré le Sablais gedreht wird. Bis zum ersten Weltkrieg übernimmt er die Produktionsleitung und wird schließlich vom Abbé Danion abgelöst.

 

1909 sind Mulsant und Chevalier wahrscheinlich in der Türkei unterwegs, wie eine Filmserie beweist, die zeitgleich mit den Filmen aus Ägypten und Palästina entdeckt wurde. Sie bezeugt die Beteiligung der Christen an Hilfsprojekten wie hier in einem Waisenhaus, und zeigt die Ruinen von Adana nach den ersten Massakern an den Armeniern. Diese Filme haben zweifelsohne noch nicht ihr ganzes Geheimnis offenbart.

 

Die Spur von Mulsant und Chevalier verliert sich nach einer letzten Filmvorführung in Moulins, die 1910 im Fascinateur erwähnt wird: 

„Der Abbé Mulsant, der bekannte Referent, hat dieses Jahr in Moulins eine Reihe von religiösen Vorträgen über das Leben unseres Herrn für Damen und junge Frauen organisiert, mit dem Ziel das Evangelium verständlicher zu machen. Die Projektionen wurden vom Abbé Mulsant persönlich mit einem leistungsstarken Apparat mit Kalklicht vorgeführt. Die projizierten Bilder, größtenteils farbig, stammen hauptsächlich von Mulsant persönlich. Die Aufnahmen wurden an den heiligen Stätten vor Ort gedreht oder zeigen Gemälde der größten Maler aller Epochen. Ihr einziges Ziel ist es, die Geschichte des Evangeliums und die heiligen Mysterien auf sehr eindrucksvolle Weise darzustellen. Das Leben von Jesus Christus, wie er vor 19 Jahrhunderten unter uns gelebt hat, soll in einem wachgerufen werden.

 

Die Suche geht weiter. Fortsetzung folgt…

 

Die Originalmusik dieses Films wurde von Antonio Coppola 2008 komponiert.

 

Die Sammlung



Sehenswertes... droite gauche

Über den Film Mazepa - Europa Film Treasures 1909 - Rüssisch
Über den Film Šešir - Europa Film Treasures 1937 - Kroatisch
Über den Film Poslovi konzula Dorgena - Europa Film Treasures 1933 - Kroatisch
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