Libretto: Sauna

Produktionsjahr: 1947

Zahllose Menschen haben das Licht der Welt in einer typischen, nach uralten finnischen Traditionen erbauten Rauchsauna erblickt.“ Der elegant formulierte Kommentar, der den Kurzfilm Sauna begleitet, stammte aus der Feder des Autors und gefeierten Verfassers von Liedtexten aus dem Bereich der finnischen Populärmusik, Usko Kemppi (1907–1994). In poetischen Worten schildert der an Metaphern reiche Kommentar Kemppis dabei die Geschichte der finnischen Sauna von ihren Anfangstagen bis heute.

 

Sauna wurde von der Produktionsgesellschaft Finlandia-Kuva produziert, die 1943, also während des Zweiten Weltkriegs, gegründet worden war, um die kriegsmüde Zivilbevölkerung mit heiteren, aber dennoch kulturell anspruchsvollen Filmen zu unterhalten. Die Firma produzierte dabei hauptsächlich Wochenschauen und Kurzfilme, die bei Filmvorführungen vor dem Hauptfilm gezeigt wurden. Im Jahre 1945 wurde Finlandia-Kuva von Suomi-Filmi, der größten finnischen Filmproduktionsfirma, übernommen und ging im Anschluss in dessen firmeneigene Sparte für Standbilder und Kurzfilme über. Seit 1950 war Finlandia-Kuva dann nicht mehr als unabhängige Produktionsgesellschaft tätig.

 

Die Wochenschauen „Finlandia-Reviews“ der Firma wurden allerdings nur bis 1964 weiterproduziert. Danach war es in finnischen Kinos nicht mehr üblich, Wochenschauen und Kurzfilme vor dem eigentlichen Hauptfilm zu zeigen. Neben Kinowochenschauen produzierte Finlandia-Kuva zwischen 1943 und 1950 fast 1000 Schwarz-Weiß-Kurzfilme für den finnischen Staat, für zahlreiche kulturelle Einrichtungen und für Auftraggeber aus der Industrie. Das landesweite Kinonetzwerk von Suomi-Filmi war dabei von Anfang an für den Verleih der von Finlandia-Kuva produzierten Filme zuständig. Darüber hinaus rief Finlandia-Kuva eine eigene Filmothek für die Ausleihe von Lehrfilmen im 16-mm-Format ins Leben, die landesweit genutzt wurde.

 

Holger Harrivirta (1915–1986) war als Produktionsleiter und Regisseur bei Finlandia-Kuva tätig, als Kameramann konnte Björn Soldan (1902–1953) gewonnen werden, der Anfang der 1920er Jahre an der Münchner Kunstakademie studiert hatte und als Meister des finnischen Dokumentarfilms gilt. Die ersten 100 Wochenschauen und Kurzfilme der Firma filmte Soldan in nur drei Jahren; gleichzeitig war er in dieser Zeit auch für den Filmschnitt zuständig. Nach Soldans Weggang im Jahre 1945 erbte der neue Kameramann Unto Kumpulainen (1917–2000) dessen in die Jahre gekommene, noch mit einem Federwerkmotor ausgestattete Eyemo-Kamera, an deren Tücken er sich zu seinem Leidwesen erst gewöhnen musste. Zum Glück standen Kumpulainen jedoch auch eine neue, batteriebetriebene Arriflex-Filmkamera mit einem 60-Meter-Filmmagazin sowie zwei kompetente Assistenten, Niilo Heino (1927–2005) und Vilho Pitkämäki (1925–1993) zur Verfügung, die ihm beim Filmwechsel behilflich sein konnten.

 

Der Kurzfilm Sauna von 1947 jedoch stammte noch aus den längst vergangenen Zeiten der 30-Meter-Filmrollen, was auch daran zu ersehen ist, dass die einzelnen Standardaufnahmen nur grob geschnitten und zusammengesetzt worden waren. Vermutlich entstanden die Aufnahmen zu dem Film zwischen Juni und Juli 1946 während einer Reise, die zunächst an die Westküste und von dort nach Nordfinnland führte. Bilder von bezaubernden Seenlandschaften, vorbeischaukelnden Booten und andere elegische Szenen, die man in Archiven aufgestöbert hatte, wurden erst im Nachhinein hineinmontiert. Wo kein erzählender Kommentar zu hören ist, setzt der auf einem alten Phonographen abgespielte Klassiker „Säkkijärven polkka“ als musikalische Untermalung ein. Filmmaterial war in Finnland damals sehr knapp, weshalb das Drehen am Originalschauplatz sich oftmals auf das Nötigste beschränkte. Häufig gab es am Drehort kein elektrisches Licht; bei Innenaufnahmen wurde deshalb typischerweise im Licht von rauchenden Paraffinlampen gedreht, die man sich vor Ort geliehen hatte.

 

Der Kurzfilm, dessen Thema relativ frei gewählt zu sein scheint, wurde wahrscheinlich vom Außenministerium in Auftrag gegeben. Ein Indiz dafür ist, dass der von dem Schriftsteller Usko Kemppi verfasste erzählende Kommentar auch ins Englische übersetzt wurde. Das Finnland der Nachkriegszeit sollte der Welt nicht nur als ein Land moderner Papierfabriken, sondern auch als das Land der Tausend Seen und der fremdartigen, faszinierenden Traditionen präsentiert werden. Darin liegt vermutlich der wahre Grund, warum Harrivirta und Kumpulainen im Sommer 1946 über 240 Meter an teurem Filmmaterial verbrauchen durften, um Szenen eines traditionellen finnischen Saunaabends filmisch einzufangen. Schon ein Jahr später war dann die Zeit von Eino Mäkinen (1908–1987), der sich besonders im Bereich des ethnografischen Dokumentarfilms hervorgetan hatte, und des Regisseurs Erik Blomberg (1913–1996) angebrochen. Sie benutzten die Arriflex-Kamera von Finlandia-Kuva, die sich als zweckmäßig erwiesen hatte, und filmten damit Goldwäscher und den Volksstamm der Lappen beim Hüten ihre Rentiere im nördlichsten Finnland.

 

Nach dem Zusammenschluss der beiden Filmfirmen gingen die Kurzfilme von Finlandia-Kuva in den Besitz der für Kurzfilme zuständigen Abteilung bei Suomi-Filmi über. Das wertvolle Filmmaterial blieb jedoch nicht im Originalzustand erhalten; auch Sauna war etlichen Überarbeitungsversuchen ausgesetzt. Um den Film an den Geschmack der 1960er Jahre anzupassen, wurden sogar einige erotische Szenen eingefügt, der Film wurde neu geschnitten und vertont. Jahre später fand man jedoch eine Originalkopie des Kurzfilms von 1947, die das Finnische Filmarchiv 1981 für künftige Generationen vervielfältigen ließ. Dafür nutzte man das Labor von Suomi-Filmi, der einflussreichsten Produktionsgesellschaft im unabhängigen Finnland.

 

Die Sammlung



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