Libretto: Believe It or Don't
(Ob Sie es glauben oder nicht)




Charley Bowers (1889 – 1946) zählt zu den rätselhaftesten Figuren der Geschichte des amerikanischen Kinos. Ein Teil seines Werks ist verschwunden und bestimmte Abschnitte seines Lebens sind unbekannt, da es hierzu keine Dokumente und Zeugenberichte gibt. Charley Bowers hatte eine blühende Fantasie und die kleinste Anekdote wurde schnell zur Fantasie Geschichte.
King der Lügner
Die wenigen Erzählungen über sein Leben sind ebenso fantastisch, wie sein Werk innovativ ist. Bowers ist durchtrieben, prahlerisch, ein Witzbold und charakterlich schwierig, ein Geschichtenerfinder an der Grenze zur Mythomanie. Er liebt es seine Heldentaten, eine unglaubwürdiger als die andere, zu erzählen und schafft es dabei seine Zuhörer zu fesseln.
Bowers soll 1889 in Cresco, Iowa, geboren worden sein, als Sohn einer französischen Komtesse und eines irischen Arztes. Mit 5 Jahren lernt er einen alten Zirkusartisten kennen, der ihn an die Seiltanzkunst heranführt. Im darauf folgenden Jahr wird er von einem Zirkusdirektor entführt, der fasziniert ist von seinem Talent. Zwei Jahre lang wird er für den Auftritt des Wunderkindes am Seil ausgebeutet. Doch ein Onkel von Charley findet seine Spur wieder und bringt ihn zurück zur Familie, kurz nachdem sein Vater verstorben ist.
Mit 9 Jahren steht Charley Bowers allein da und muss für seine Familie sorgen, indem er eine Unmenge kleiner Jobs annimmt: Liftboy, Dienstbote, Gärtner und sogar Warenschlepper! Er soll auch Platzanweiser in einem Theater gewesen sein, und dabei gelegentlich Kinderrollen übernommen haben. Gleichzeitig soll er sein Seiltanztalent auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks ausgeübt haben, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab.
Einige Jahre später, als in Chicago zwei siebenstöckige Gebäude errichtet werden, sieht er die Chance für sich mit seiner Artistennummer Werbung zu machen und entkommt dabei nur knapp dem Tod. Er beschließt dieser Karriere ein Ende zu machen.
Charley rühmt sich ebenfalls damit Jockey gewesen zu sein und sogar Dresseur von mehr als 500 Wildpferden, bevor er zum Theater zurückkehrte. Er wird als Schauspieler und Regisseur eingestellt und widmet sich schnell der Schaffung von Kostümen und Kulissen. Sein Talent als Dekorateur fällt einer Werbeagentur auf. Dort erlangt er sogar eine gewisse Bekanntheit.
Während eines zu seinen Ehren gehaltenen Banketts, karikiert er einige Persönlichkeiten seiner Zeit und erscheint schnell im Jersey City Journal. Als offizieller Karikaturist der Zeitung wird er acht Jahre lang von den Lesern sehr geschätzt und übernimmt anschließend die gleiche Funktion beim Chicago Star, Chicago Tribune und Newark Evening News.
Um 1912, im Alter von nur 23 Jahren interessiert sich Charley Bowers genauer für den Zeichentrickfilm. Er arbeitet für mehrere Studios und setzt an die hundert Comics fürs Kino um.
Laut Louise Beaudet gründet er 1916 die Firma Mutt and Jeff Inc. und produziert eine Serie von Zeichentrickfilmen, in der die Abenteuer der gleichnamigen Comicfiguren darstellt werden. Um seine Produktion zu steigern, fusioniert er mit dem Studio von Raoul Barré, das dann von Bud Fisher, dem Autor der ursprünglichen Comicserie, aufgekauft wird.
In den Studios Barré-Bowers-Fisher werden massenweise Produktionen abgedreht (ca. 300 Serien von Mutt and Jeff). Oftmals ohne Befugnis setzt Bowers seine Unterschrift unter die Arbeit eines anderen (denn Charley kann auch unloyal sein) und soll so an mehr als 250 Episoden der Serie beteiligt gewesen sein. In jenen Tagen steckt das Genre noch in den Kinderschuhen: die Animation ist genauso spröde wie das Drehbuch, und der Erfolg kommt nicht an den der gleichnamigen Comichefte heran.
1918 wird Barré nach einem Nervenzusammenbruch von seinem Besitz vertrieben, gefolgt von Bowers, der der Geldveruntreuung beschuldigt wird. Das Studio wird in Fisher-Mutt and Jeff Inc. umbenannt und produziert neue Serien für William Fox. Kurz darauf, nachdem er Fox überredet hat, nimmt Bowers seine Arbeit für die Mutt and Jeff Serie von zuhause aus wieder auf und stellt Isidore Klein, ehemaliger Animationsspezialist von Fisher, ein.
1920 kehrt er nach New York zurück, in ein Studio, das sich über zwei Etagen erstreckt. Das eine widmet sich der Produktion von Mutt and Jeff und mit dem anderen investiert Bowers persönlich in neue Animationsverfahren. Er hat sich schon Filme mit echten Aufnahmen ausgedacht, in denen animierte Marionetten agieren. Letztendlich schließt er das Animationsstudio, um sich voll und ganz auf seine Studien zu konzentrieren.
Im Jahre 1924 beginnt er, an der Produktion seiner Komödien zu arbeiten, nachdem er die Technik Bower Process entwickelt hat, bei der erstaunliche Spezialeffekte mit echten Aufnahmen und Bild für Bild Animationen kombiniert werden.
In den Jahren 26 und 27 schreibt er an einem Dutzend Kurzfilmen, bei denen er mit Harold L. Muller und Ted Sears Regie führt, darunter Now You Tell One, A Wild Roomer, He Done His Best, Fatal Footsteps und Egged On. Seine Komödien offenbaren eine surreale Fantasiewelt, in der einfache und aufwendige Maschinen das neue goldene Industriezeitalter verhöhnen.
Als Hauptaktionär von Bowers Comedies übernimmt er 1928 gleichzeitig die Aufgaben des Drehbuchautors, Animationsspezialisten, Darstellers und Produzenten einer Kurzfilmserie bei der Muller Regie führt: Goofy Birds, You’ll Be Sorry, Say Ah-h !, Whoozit, There It Is, et Hop Off.
In den 30er Jahren ist die Geschichte von Charley Bowers nicht mehr genau festzuhalten. Es existieren so gut wie keine Dokumente über diese Zeit. Man weiß, dass er in diesem Jahr It’s a Bird, seinen ersten Tonfilm dreht. Dieser Film wird einige Jahre später von den französischen Surrealisten, insbesondere André Breton, geehrt werden.
Er arbeitet eine zeitlang bei Universal als Regisseur von Animationsfilmen unter der Leitung von Walter Lantz, schreibt und illustriert auch zahlreiche Kinderbücher. Er dreht ebenfalls Werbefilme (die heute verschollen sind) für Bier "Pride Of Newark" für Schuhcreme "Johnson", sowie für die großen amerikanischen Erdölindustrien. Die neuesten Funde von Pop And Mom In Wild Oysters oder Believe It Or Don’t beweisen, dass er während dieser Zeit immer noch Animationsfilme macht.
Ab 1941 zwingt ihn eine schwere Krankheit seine Arbeit komplett niederzulegen. Seine Frau versucht die laufenden Verträge zu erfüllen, die dann jedoch trotz ihrer Talente als Zeichnerin annulliert werden.
Charley Bowers stirbt am 26. November 1946. Er wird 57 Jahre alt und hinterlässt seine Frau als Alleinerbin.
1992 hat Lobster Films eine weltweite noch andauernde Suchaktion gestartet, um die letzten Kopien der fehlenden Werke zu finden.










