Libretto: Fête des vignerons en 1905
(Winzerfest 1905)




Seit dem Mittelalter feiert die Stadt Vevey die besten Winzer der Region mit einem Festzug. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist dieses Schauspiel auf dem Marktplatz zu bewundern. Während das Fest von 1889 fotografiert wurde, wird das Ereignis von 1905 […] von der Zuschauertribüne aus, den Rücken zum Genfer See gekehrt, gefilmt.
Heute existieren noch mindestens zwei Filmkopien von dieser Veranstaltung. Diese, die wir hier sehen, ist eine (vermutlich mit Schablone) handkolorierte Nitratfilmrolle, die in der Schweizer Kinemathek aufbewahrt und 1993 restauriert wurde. Von der Confrérie des Vignerons (der örtlichen Winzerbruderschaft), Veranstalter des Festes, initiiert, hat die Wiederherstellung des Films 21 Stunden Instandsetzungsarbeiten beansprucht, in denen die Perforierungen und Klebestreifen bearbeitet wurden, um dann ein Farbzwischennegativ zu ziehen. Dieser Vorgang fand auf einer die Filmrückstände absorbierenden Prototypvorrichtung statt. Anschließend wurde eine geeichte Positivkopie gezogen.
Diese Kopie weist viele Ähnlichkeiten zu einer im British Film Institut - NFTVA (Joye Sammlung) - hinterlegten Kopie über dasselbe Thema auf. Diese zwei Bänder sind vielleicht das Ergebnis der gleichen Filmarbeit durch den damaligen Bildingenieur der Urban & Co, von der man weiß, dass sie sich das Exklusivrecht zum Filmen der Veranstaltung mit 300 damaligen Franken erkauft hat. Was den Ingenieur Félix Mesguich nicht davon abhielt, ebenfalls das Spektakel zu filmen. Im Auftrag von Raleigh & Roberts, der Pariser Agentur von Warwick (London), reiste er mit dem gleichen Ziel im August 1905 nach Vevey an. In seinen Memoiren erzählt er, wie er dem Exklusivvertrag von Urban & Co trotzte, indem er sich unter die Tribüne schlich und dort sein Stativ, anscheinend unbemerkt, aufbaute. Laut Mesguich: „Mit der Musik im Ohr, ist es mir gelungen, auf diese Weise eine ganze 120 Meter Rolle zu belichten. Und fertig! Abends wurde mein Film als Päckchen dem Kontrolleur der Schlafwagen des Schnellzugs nach Paris übergeben. Es wurde schon am Bahnsteig erwartet und der Film konnte sofort entwickelt werden. Sogleich wurden die Kopien verteilt, während sich der Vertreter der Urban Trading Co, in dem Wissen seiner Exklusivitätsrechte, in Sicherheit wog und ganz gewissenhaft seiner Arbeit am Ufer des Genfer Sees nachging.“ So viel wir wissen, wurde der Film von Mesguich nicht wiedergefunden.
Roland Cosandey, Ciné-Bulletin, 7/1994
*Tours de manivelle. Souvenirs d’un chasseur d’images, Grasset, 1933
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