Libretto: British Fact and German Fiction
(Britische Wahrheit und deutsche Fiktion)




Von 1914 bis 1918 wütete der Erste Weltkrieg überall auf der Welt. Neue Arten der Kriegsführung hatten ein bisher unvorstellbares Ausmaß an Tod und Zerstörung zur Folge; eine zum damaligen Zeitpunkt dramatische Entwicklung, die auch langfristig psychologisch zermürbend wirkte. Dieser erste moderne Konflikt wurde zum ersten Mal auch als Luftkrieg geführt; eine weitere Besonderheit war, dass zunehmend Kinobilder als Propagandawaffe benutzt wurden.
London wurde 1915 zum ersten Mal Ziel deutscher Luftangriffe, dabei kamen zunächst Zeppeline zum Einsatz. Bald jedoch fielen immer mehr Luftschiffe britischen Gegenmaßnahmen zum Opfer, so dass die deutsche Armee ab 1917 verstärkt schnellere, wendigere Langstreckenbomber, beispielsweise vom Typ Gotha, einsetzte. Jene neue Form moderner Kriegsführung war das Thema dieses „offiziellen britischen Films“, den das Imperial War Museum (das Kriegsmuseum des britischen Weltreichs) in ihren Beständen aufbewahrt. Die strategisch wichtige Bombardierung, mit der die politische und wirtschaftliche Infrastruktur in London vernichtet werden sollte, dominierte die Titelseiten der deutschen Zeitungen. Dabei wurde behauptet, dass die Angriffe erfolgreich den Lebensnerv der britischen Hauptstadt getroffen hätten: vom Tower of London über die Westminster Bridge bis hin zur Saint Paul’s Cathedral: Scheinbar konnte nichts der Schlagkraft der deutschen Luftwaffe entkommen!
Der Erste Weltkrieg verschaffte dem Kino Auftrieb, auch indem es Beweise für das Argument lieferte, dass Filme auf besondere Weise geeignet seien, um ein Bild der Wirklichkeit zu vermitteln: Der Film von der Schlacht an der Somme wurde 1916 von der britischen Presse als „endlich etwas Echtes“ bejubelt. In ähnlicher Weise dienen auch die Bilder in diesem Film als systematische Gegenargumente, um deutsche Darstellungen und auch unbestreitbare Augenzeugenberichte zu entkräften. Schon von den ersten Minuten an liegt die Stärke des Films darin, durch Bilder zu widerlegen, was an Worten bereits geschrieben worden war: Die Aufnahmen führen vor Augen, dass es nur wenige Opfer gab und dass die Symbole des britischen Weltreichs verschont geblieben waren. Die Kamera schweift über die unversehrt gebliebene Stadt und liefert Panoramaansichten, die die angeblichen Behauptungen einer deutschen Zeitung (wobei nicht klar festzustellen ist, um welche Zeitung es sich handelt) widerlegen. Die Echtheit der teilweise etwas wackligen Bilder wird durch die fast komisch anmutende Rolle des Polizisten bezeugt, der ein Schild mit Zeitangaben hochhält, um dadurch die genaueren Umstände der Filmaufnahmen zu bestätigen. Obwohl Zeitungen und Plakate zwischen 1914 und 1918 die wichtigsten Propagandawaffen blieben, wurden das Radio und das Kino als Folge des technischen Fortschritts innerhalb kurzer Zeit als neue Kommunikationsformen zunehmend einflussreicher.
Die Originalmusik dieses Films wurde von Xavier Bussy 2009 komponiert und wird von Eric Poirier vorgetragen.











