Libretto: Programme l'Affaire Dreyfus
(Programm Die Dreyfus-Affäre)




In diesem Werk rekonstruiert Georges Méliès (1861-1938) die bedeutenden Fakten der Dreyfus-Affäre anhand einer Reihe filmischer Tableaus von je ungefähr einer Minute. Es handelt sich um rekonstruierte Aktualitäten, ein Genre, das der Filmemacher glänzend beherrschte. Da er ja nicht die realen Ereignisse abfilmen konnte, werden diese im Studio rekonstruiert und nachgedreht. So können die Zuschauer jene Szenen nacherleben, denen sie nicht beiwohnen konnten, mitunter sogar den eigentlichen Tag des Ereignisses! Zwei Tableaus der Dreyfus-Affäre konnten nicht wiedergefunden werden: Die Degradierung und Dreyfus auf dem Weg vom Gericht in Rennes zum Gefängnis.
Der Filmemacher drehte diese Aktualitätenreihe im Herbst 1899, als die von der Dreyfus-Affäre hervorgerufene Krise ihren Höhepunkt erreichte. Zwischen 1894 und 1906 wurde Frankreich von dieser Affäre gewaltig erschüttert. Sie begann als der Hauptmann Alfred Dreyfus (1859-1935) des militärischen Verrats angeklagt wurde: Er soll Deutschland geheime Dokumente zugespielt haben. Im Oktober 1894 wird Dreyfus vors Kriegsministerium vorgeladen: Der Major Armand du Paty de Clam (1853-1916) unterwirft ihn einer Schriftprobe und folgert daraus, dass seine Schrift identisch sei mit derjenigen des Schriftstückes, welches man in der deutschen Botschaft gefunden hat. Degradiert und zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt, wird Dreyfus in ein Straflager nach Guayana, auf die Teufelsinsel, geschickt, während er seine Unschuld beteuert. Als sich das Gerücht eines Fluchtversuchs des Hauptmanns verbreitet, wird der Befehl erteilt, ihn jede Nacht an sein Bett zu fesseln.
Die Angehörigen von Dreyfus liefern sich einen erbitterten Kampf und gewinnen einen Teil der öffentlichen Meinung für seinen Fall. Der Schriftsteller Emile Zola (1840-1902), damals an der Spitze seiner Berühmtheit, lehnt sich gegen diese Ungerechtigkeit auf, indem er im Jahre 1898 in der Zeitung L’Aurore den bekannten Artikel „Ich klage an …!“ veröffentlicht. Einige Monate später gibt der Oberst Hubert-Joseph Henry (1846-1898) zu, der Verfasser der falschen Beweise gegen Dreyfus gewesen zu sein und begeht dann in seiner Zelle Selbstmord. Im Sommer 1899 kommt Alfred Dreyfus nach Frankreich zurück zur Revision seines Prozesses in Rennes: Die Emotionen kochen hoch, aufs Äußerste! Gegen alle Erwartungen wird er aufs Neue verurteilt. Einige Tage später wird Dreyfus vom Präsidenten Emile Loubet (1838-1929) begnadigt. Rehabilitiert wird er schließlich im Jahre 1906.
Die Nachwirkung der Affäre ist immens, insbesondere auch weil der Hauptmann jüdischen Glaubens war. In einem Umfeld, das geprägt war durch den Aufstieg des Antisemitismus, teilt sich Frankreich in zwei Lager: Dreyfus-Anhänger, welche die Justiz anprangern, und ihre Gegner, für welche die Justiz den höherstehenden Interessen des Staates untergeordnet werden muss. Die Spaltung erweist sich als so tiefgreifend, dass Méliès' Aktualitäten von der Polizeipräfektur verboten werden: Die Zuschauer prügeln sich in den Kinosälen!
Als eifriger Dreyfus-Anhänger will Méliès hiermit das Publikum für das Schicksal des Hauptmanns einnehmen. Er drückt sein Engagement dadurch aus, dass er die Rolle von Alfred Dreyfus' Anwalt Fernand Labori (1860-1917) übernimmt, der von einem Unbekannten verwundet wurde, als er sich den Zuhörern zuwandte. Noch viel mehr als bei seinen fantastischen Werken erlebt der Filmmacher einen wahren Erfolg mit einem der ersten politischen Filme in der Geschichte des Kinos.











