Libretto: Le Juif errant
(Der Wandernde Jude)



Wenn auch Zauberwelten das bevorzugte Genre von Georges Méliès (1861-1938) waren, so übte er sich doch in allen kinematografischen Genres: rekonstruierte Aktualitäten, historische Filme, Dramen, Komödien, Opern, Werbefilme, Kriegsszenen oder auch antike und mythologische Szenerien wie in diesem Film. Welch Sujet aber auch behandelt wird, geht Méliès mit dem Kino seit 1896 um wie mit einer Theaterbühne. Für ihn wird die Leinwand vom Kamerarahmen einer Szene begrenzt und der Titel des Films ist ein Äquivalent zum Vorhang. Zudem positioniert Méliès seine Kamera so statisch wie das Auge eines Zuschauers, der mitten auf einem Sofa sitzt. Der Raum der Szenerie wird so organisiert, dass das Publikum im Kinosaal eine privilegiert Sicht hat: So wird die Einzigartigkeit des Blickes ermöglicht.
In Le Juif errant (Der Wandernde Jude) teilt Méliès den Film in drei Tableaus auf, die den drei Wechseln der Ausstattung entsprechen. Auf seiner kinematografischen Leinwand inszeniert er Techniken (feststehende Kameras, Collagen und Doppelbelichtung, die zahlreiche Effekte ermöglicht), die er sich von seinem Theater der Illusionen her leiht, um der Erzählung zu dienen und die dramatische Intensität seiner Intention zu steigern. Da die Kamera dem Protagonisten in seinen Positionswechseln nicht folgt, muss die Spielweise des Schauspielers wie im Theater überhöht und gestikulierend sein, um die Gefühle der Figur bestmöglich auszudrücken und ihr eine Form zu geben.
Um die Möglichkeiten der Ausstattung zu optimieren und den unangenehmen Zufällen durch Witterungseinflüsse und Licht zu begegnen, lässt Méliès 1897 in Montreuil-sous-Bois das erste Spezialfilmstudio bauen. Er orientiert sich an Fotoateliers und erstellt den Plan für eine große Halle, die von allen Seiten her verglast ist und von einem Glasdach bedeckt wird. Der Teil, wo die Schauspieler spielen, wird von vorne durch Tageslicht erhellt. Dieser Bereich ist ausgestattet mit Klappen, Falltüren, ansteigenden Deckeln für die Auftritte, Bühnenmasten und Seilwinden, wie bei einer Zauberbühne im Theater. Im Laufe der Jahre und des Erfolgs wurde das Studio vergrößert, um den Notwendigkeiten der immer komplexeren Stoffe gerecht zu werden, so wie auch bei seiner ersten großen Zauberwelt, Voyage dans la lune (Die Reise zum Mond), wo die Welt umrundet wird.
Die Originalmusik dieses Films wurde von Antonio Coppola 2009 komponiert.
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