Die digitale Projektion des filmischen Kulturerbes

Von Jean-Baptiste Hennion
 
In Zeiten der technologischen Evolution (oder Revolution?) der Kinofilmprojektion ist es von Interesse, sich der Frage der digitalen Projektion von alten Filmen, dem filmischen Kulturerbe, zu widmen.

Wenngleich schon seit Jahren zahlreiche Vorstellungen von alten Filmen mit Hilfe von Videoprojektoren und HD-Cam Kassetten stattfanden, haben sich die Industrie, die Technik und die Nutzung bedeutend weiterentwickelt und ermöglichen nun einen größeren Projektionsumfang, in den Kinosälen, was heutzutage als Besonderheit gilt. Immerhin muss man den Pioniergeist bei den Vorstellungen und Ausstrahlungen restaurierter Filme würdigen. Tatsächlich hat die Digitalisierung als Werkzeug sowohl zur Restaurierung als auch zur Projektion zahlreicher Elemente, aus denen Programme für die Vorstellung konzipiert werden, die Projektion dieser Filme erleichtert – Filme, die oftmals jahrelang, sprich jahrzehntelang, von niemandem auf der Leinwand gesehen wurden. Einige dieser „Bänder“ können während so genannter Pochettes Surprises im Kino Le Balzac in Paris bewundert werden.
 
Die Zahl der digitalen Systeme in den Projektionskabinen auf der ganzen Welt nimmt täglich zu. Vertrauen wir auf die ISO (1) Normen (über die schon abgestimmt wurde oder gerade abgestimmt wird), damit auf internationaler Ebene das Digitalkino (sowohl bei der Herstellung von Kopien als auch für die Spezifizierung der Projektionsmaschinen) wieder mit dem vergleichbar ist, was 1909 während des internationalen Kongresses mit der Einführung des 35mm Formats bezweckt wurde. Obwohl der digitale Datenträger nicht die langlebigste und idealste Konservierungsmethode ist, und diese Technologie sich in stetiger Entwicklung befindet, haben die aktuellen Normen minimale Qualitätskriterien festgelegt, damit die Projektion des digitalen Bildes auf der Leinwand mindestens dem 35mm Format entspricht.
 
Bucking Broadway, 1917
Digitale Restaurierung
 
Das digitale Zeitalter hat die Fotografie schon erreicht. In der Filmprojektion findet dieser Übergang gerade statt. Seit mehreren Jahren wird die Restaurierung zahlreicher Filme mit Hilfe digitaler Werkzeuge durchgeführt. Es muss nicht erwähnt werden, dass diese Werkzeuge sehr wertvoll und effektiv sind. Sie ermöglichen das Wiederfinden und –beleben der Werke, seien sie nun in Vergessenheit geraten oder nicht (2). Das Sichten und Studieren von Bucking Broadway (3) veranschaulichen gekonnt diese Arbeitsweise.
Zur Stunde in der wir viele sind, den Wegfall der fotochemischen (4) Träger in den Projektionskabinen zu betrauern, sicherlich aus Verehrung, müssen wir jedoch die Augen öffnen und uns an dem erfreuen, was uns die digitale Projektion im Kino ermöglicht. Welch Freude Lola Montès in 2,55 wiederzuentdecken, obwohl sie 50 Jahre lang niemand in ihrem Originalformat genießen konnte. Welch Freude Intolerance wiederzusehen, in der richtigen Transportgeschwindigkeit projiziert. Welch Freude Hondo in 3D sehen zu können, obwohl es unmöglich war diesen Film anzuschauen, wenn man an die Bedingungen denkt, unter denen er gedreht wurde. Welch Freude die Tonspur von Vacances de Monsieur Hulot hören zu können!
Immer mehr Beispiele bieten unseren betörten Zuschauersinnen Projektionen, die wir als spektakulär bezeichnen können. Diese Schätze, die sich auf den Regalen unserer Filmarchive stapeln, finden endlich wieder ihren Weg auf die Leinwand und zu den Zuschauern, die ihnen bestimmt waren! Eine neue Nutzung dieser Werke ist nun möglich.
 
Lola Montès, 1955. Digitale Restaurierung (5)
 
Die digitale Projektion ist eine echte Chance für die Cinephilie, für die Schärfung des Bildsinns, für das Kino selbst. All diese Filme, die auf Lagerregalen vor sich hin schlummerten, all diese verschwundenen Filme, die, einmal wiedergefunden, restauriert wurden. All diese Filme, die wir nicht anschauen konnten, weil ihr Träger eine Projektion unmöglich machte und das Ziehen einer oder mehrerer Nutzkopien aus finanzieller Sicht undenkbar war, all diese Filme können wir uns von nun an wieder ansehen.
Die Regale der Hollywood-Majors quellen über mit D5 (6) Scans zur Konservierung von Filmen, von denen keine Nutzkopien mehr existieren. Sicher, die physische Kopie ist bei dieser neuen Art der Filmkonservierung oder –nutzung verschwunden; all diese Fotogramme wurden zusammengestellt und quantifiziert, um den belichteten Träger in binäre (7) Informationen umzuwandeln. Doch ist es jetzt wieder möglich, egal wo auf der Welt, diese Daten gleichermaßen zu projizieren und dabei das gleiche Ergebnis auf der Leinwand zu erhalten, das der Restaurator in seiner Werkstatt gesehen und gehört hat! In der Geschichte der Filmtechnik ist dies erstmals der Fall – die Projektion eines Filmes wird endlich überall exakt die gleiche sein, und zwar ohne dass im Laufe der verschiedenen Projektionen eine Verschlechterung auftritt!
 
Welche weiteren Vorteile ermöglicht nun die digitale Projektion für ältere Filme? Zunächst kann das Bildformat wieder eingehalten werden. Nutzkopien im Format 1,37 oder 1,66 (ganz abgesehen vom 1,33) sind praktisch aus den Projektionskabinen verschwunden. Nun kann eine einfache elektronische Einstellung am Projektor die Ausstrahlung der Filme in ihrer Originalratio ermöglichen. Wenn heute das Problem der Transportgeschwindigkeit in Begriff ist, gelöst zu werden, wird es bald wieder möglich sein Stummfilme in einer für ihre Zeit üblichen Geschwindigkeit zu projizieren (das heißt zwischen 16 und 21 Bildern pro Sekunde). Und dies ohne Flimmern und ohne technischen Eingriff auf den Projektor. Diese Filme, die aus Gründen der Berufsethik nicht einfach projiziert werden konnten, weil es manchmal unmöglich war, die Geschwindigkeit des 35mm Projektors zu variieren, oder weil kein dreiteiliger Verschluss installiert war, sind nun wieder für die Projektion geeignet, egal wo! Das ist wirklich von Bedeutung: um den technischen Aspekt muss man sich nicht mehr kümmern, die Zirkulation wird wieder zu einer entspannten Angelegenheit.
 
Ein groß angelegter Kodierungsplan entspricht also unserem Wunsch, wenn er gleichzeitig den Spezifikationen des heutigen Digitalkinos der digital restaurierten oder gescannten Filme entspricht. Auf die Werke des filmischen Erbes müssen wir in unseren Kinos wieder Zugang haben. Profitieren wir von all diesen für die DVD und die Blue-Ray-Disc bestimmten Restaurierungsmaßnahmen und widmen sie auch der großen Leinwand, und nicht nur dem kleinen Bildschirm.

(1) Die Norm AFNOR entspricht dem NF S 27100, wobei auch die Empfehlungen der DCI (Digital Cinema Initiatives) berücksichtigt werden müssen.
(2) Lassen wir die berufsethischen Aspekte bei der Restaurierung der Werke beiseite und interessieren uns lediglich für das projizierte Objekt.
(3) John Ford, 1917. Es handelt sich um einen der seltenen Stummfilme von John Ford, der überhaupt bis zum heutigen Tage wiedergefunden und restauriert wurde. Das restaurierte Ergebnis ist übrigens vollständig digital. Presseordner von CNC-AFF zum Thema Restaurierung.
(4) Hier spreche ich von dem Verschwinden der fotochemischen Träger in den Projektionskabinen, der aber in jedem Fall der beste Träger für die Filmkonservierung bleibt. Jeder digital restaurierter Film, müsste, wie ich denke, erneut auf einen analogen Filmträger gespeichert werden, zumindest im Sinne seiner Konservierung.
(5) Der Film Lola Montès wurde von der französischen Kinemathek restauriert, in Zusammenarbeit mit Les Films du Jeudi, Les Films de la Pléaide und Marcel Ophuls, der Thomson Stiftung für Kino- und Fernseherbe, mit Unterstützung des Französisch-Amerikanischen Kulturfonds, dank der Mäzenen L'Oréal und Agnès B, unter Mitwirkung des Filmmuseums München, der Königlichen Kinemathek Belgiens, der Kinemathek der Stadt Luxemburg, und mit dem technischen Beistand von François Ede.
(6) Einen halben Daumen breites Magnetband
(7) Das JPEG2000 bleibt sowieso eine Folge von starren Bildern und ist kein Videosignal.
 
Jean-Baptiste HENNION
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